Wirtschaftsnobelpreis 1994: John Charles Harsanyi — John Forbes Nash — Reinhard Selten


Wirtschaftsnobelpreis 1994: John Charles Harsanyi — John Forbes Nash — Reinhard Selten
Wirtschaftsnobelpreis 1994: John Charles Harsanyi — John Forbes Nash — Reinhard Selten
 
Der deutsche Wirtschaftswissenschaftler Reinhard Selten wurde gemeinsam mit seinen amerikanischen Kollegen »für die Analyse des Gleichgewichts in der Theorie nicht kooperativer Spiele« ausgezeichnet.
 
 Biografien
 
John Charles Harsanyi, * Budapest 29. 5. 1920, ✝ Berkeley (Kalifornien) 9. 8. 2000; 1959 Promotion an der Stanford University in Palo Alto (California), 1964-90 Professor an der Business School of the University of California in Berkeley.
 
John Forbes Nash, * Bluefield (USA) 13. 6. 1928; 1950 Promotion im Fach Mathematik an der University of Princeton in New Jersey, 1951-59 Lehrtätigkeit am Massachusetts Institute of Technology in Cambridge, seitdem als Professor an der mathematischen Abteilung der Universität in Princeton tätig.
 
Reinhard Selten, * Breslau (Polen) 5. 10. 1930; 1961 Promotion im Fach Mathematik, 1968 Habilitation in Frankfurt am Main, 1969-72 Professor für Volkswirtschaftslehre an der Freien Universität Berlin, 1972-84 Professor an der Universität Bielefeld, seit 1984 am Lehrstuhl für wirtschaftliche Staatswissenschaften an der Universität Bonn.
 
 Würdigung der preisgekrönten Leistung
 
Reinhard Selten erhielt die Auszeichnung für die Verfeinerung des Konzepts des Nash-Gleichgewichts über die Analyse der Dynamik strategischer Interaktionen. John Harsanyi analysierte Spiele mit unvollständiger Information, deren Erkenntnisse für die Informationsökonomik von großer Bedeutung sind. John Forbes Nash erhielt den Nobelpreis für die Untersuchung von Gleichgewichten in nicht kooperativen Spielen.
 
 Die Spieltheorie
 
Ein Spiel ist die formale Darstellung einer Situation, in der eine Anzahl von Individuen in strategischer Interdependenz miteinander agieren. Entsprechend ist die Spieltheorie eine mathematische Methode zur Analyse strategischer Interaktionen. Die Grundlage für die Übertragung der Spieltheorie auf die Ökonomie wurde von John von Neumann und Oskar Morgenstern im Jahr 1944 gelegt. Bei strategischen Interaktionen berücksichtigen Wirtschaftssubjekte bei ihren Entscheidungen die möglichen Reaktionen der anderen Marktteilnehmer. Solche strategischen Überlegungen wurden in der klassischen Theorie durch die Annahme vollständiger Konkurrenz explizit ausgeschlossen. In der Realität sind jedoch oligopolistische Industrien bestehend aus einer kleinen Anzahl dominierender Firmen oder die Organisation von Arbeitnehmern in großen Gewerkschaften zu beobachten. Von Neumann und Morgenstern analysierten Zwei-Personen-Nullsummen-Spiele, bei denen der Gewinn des einen Spielers dem Verlust des anderen Akteurs entspricht.
 
 Kooperative und nicht kooperative Spiele
 
John Forbes Nash erweiterte Spiele auf eine willkürliche Anzahl von Teilnehmern mit beliebigen Präferenzen und unterschied im Gegensatz zu von Neumann und Morgenstern zwischen kooperativen Spielen, bei denen bindende Vereinbarungen zwischen den Spielern getroffen werden können, und nicht kooperativen Spielen, bei denen keine Absprachen möglich sind. Die allgemeine Lösung eines nicht kooperativen Spiels wird als »Nash-Gleichgewicht« bezeichnet. In einem Nash-Gleichgewicht ist die Strategiewahl jedes Spielers die beste Antwort auf die Strategien, die aktuell von seinen Gegnern gespielt werden. Dabei wird angenommen, dass die Spieler rational handeln und vollständige Informationen über die Spielstruktur besitzen, also das Rationalverhalten des Gegenspielers sowie die Auszahlungen aller möglichen Aktionen kennen. Diese Information wird als gemeinsames Wissen bezeichnet. Wenn alle Spieler vollständig über die strategischen Alternativen und Präferenzen der anderen Spieler informiert sind, kennen die Spieler die optimale Strategiewahl der Gegenspieler. Erwarten nun alle Spieler dasselbe Nash-Gleichgewicht, dann besteht für den Einzelnen kein Anreiz mehr, seine Strategie zu ändern. Die Ergebnisse konnten auf zahlreiche Wirtschaftssituationen angewendet werden wie bei der Analyse oligopolistischer Konkurrenz. Praktische Bedeutung hat Nashs Konzept auch für die Industrieökonomik, die Umweltökonomie und für die Theorie des Außenhandels.
 
 Teilspielperfekte Gleichgewichte
 
Das Nash-Gleichgewicht wies zwei grundsätzliche Probleme auf: Zum einen konnte bei der Existenz mehrerer Nash-Gleichgewichte die Höhe der Auszahlungen nicht bestimmt werden. Zum anderen ist die Annahme vollständiger Information nicht sehr realitätsnah. Selten führte strengere Bedingungen ein, um ökonomisch unsinnige Gleichgewichte zu eliminieren und somit ihre Anzahl zu reduzieren. In seiner Veröffentlichung von 1965 »Spieltheoretische Behandlung eines Oligopolmodells mit Nachfrageträgheit« führte er das Konzept der Teilspielperfektheit ein. In einer Monopolsituation könnten potenzielle Marktneulinge über die Androhung eines Preiskriegs vom Markteintritt abgehalten werden. Dies wäre ein Nash-Gleichgewicht, wenn potenzielle Wettbewerber von der Drohung abgeschreckt würden. Der Monopolist müsste in diesem Fall keine Kosten aufwenden. Allerdings ist die Drohung mit einem Preiskrieg angesichts der damit verbundenen Kosten nicht sehr glaubwürdig. Selten gelang es, unglaubwürdige Drohungen aus dem Konzept des Nash-Gleichgewichts zu eliminieren. Seltens Teilspielperfektheit nahm direkten Einfluss auf die Diskussion um die Glaubwürdigkeit der Wirtschaftspolitik bei der Analyse oligopolistischer Konkurrenz wie auch in der Informationsökonomik, die sich mit den Kosten der Informationsbeschaffung befasst. Mit der Einführung des »Gleichgewichts der zitternden Hand« gelang Selten eine Verfeinerung des Grundmodells, indem er zeigen konnte, dass kleine Fehler der Akteure nicht automatisch zu einer Destabilisierung führen.
 
 Unvollständige Information
 
John Harsanyi hat das Element der unvollständigen Information in die Spieltheorie eingebracht und damit eine weitere Annäherung an die strategischen Interdependenzen in der realen Welt vollzogen. Wenn ein Spieler die Auszahlungen des anderen Spielers nicht kennt, ist das Nash-Gleichgewicht nicht besonders sinnvoll. Harsanyi löste das Problem, indem er alle Unsicherheiten über die Charakteristika des anderen Spielers in einer Variablen, dem Spielertypus, zusammenfasste. Jeder Spielertypus wird als ein eigener Spieler betrachtet, der von einer bestimmten Wahrscheinlichkeitsverteilung über die verschiedenen Handlungstypen ausgeht. Unvollständige Information über die Auszahlung kann somit behandelt werden wie Unsicherheit über den Typ des Spielers, und über den Typ des Spielers besteht unvollkommene Information. Unvollkommene Information bedeutet, dass ein Spieler nicht weiß, welchen Zug der Gegenspieler gemacht hat. Harsanyi konnte zeigen, dass es für jedes Spiel mit unvollständiger Information ein äquivalentes Spiel mit vollständiger Information gibt, indem Spiele mit »unvollständiger« Information in Spiele mit »unvollkommener«Information transformiert werden. Daneben befasste sich Harsanyi auch mit Fragen der Wohlfahrtsökonomie und mit moralphilosophischen Themen.
 
R. Füss, G. Vorsatz

Universal-Lexikon. 2012.


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